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Spaghetti - Runde

Tourenbericht Hochtourenwoche 2017: „Spaghetti-Runde“

Nirgendwo ist es einfacher in kurzer Zeit so viele 4000er zu „sammeln“ wie auf der Spaghetti-Tour an der Grenze Schweizer Wallis/Aostatal. Da ich auf einigen von ihnen bereits gewesen bin, war die Idee, diese Besteigungs- Erfahrungen im Rahmen einer Hochtouren-Ausbildungswoche an andere weiterzugeben und gleichzeitig dort noch weitere Gipfel kennenzulernen. Uta, Torsten und André fanden diese Idee ebenfalls lukrativ und meldeten sich frühzeitig für den Kurs an.

Logistisch konnte ich noch die frischen Tipps und Ratschläge von Dirk Schulze (FÜL Bergsteigen) verwenden, der die Tour 2015 mit seiner Frau unternommen hatte.

Treff- und Ausgangspunkt war Täsch im Wallis. Uta und Torsten hatten bereits eine Gruppentour-Woche in den Stubaier Alpen und ich selbst einen Kurs im Pitztal hinter mir. André hatte sich derweil in der Zermatter Gegend mit einigen leichteren Touren und Hüttenübernachtungen akklimatisiert und wartete in der Gandeghütte auf uns.

Die Bahnfahrt führte uns nach Zermatt und dann ging es durch den „touristisch überprägten“ Ort zur Seilbahn, die uns zügig von 1690 auf 2939 m katapultierte. In 20 min erreichten wir die Gandeghütte, vor der André schon auf uns wartete. Gemeinsam ging es weiter durch das Gletscherskigebiet zum Theodulpass, wo wir in dem dortigen Refugio Guide del Cervino unsere erste gemeinsame Übernachtung gebucht hatten. Die restliche Zeit bis zum Abendessen nutzten wir zwischen den herumfahrenden Pistenraupen noch für eine Wiederholung der Spaltenbergung. Der erste war dann auch so ziemlich der letzte Tag mit gutem Wetter...

Skizirkus am Theodulpass

Skizirkus am Theodulpass unterhalb des kleinen Matterhorns (Foto: Torsten Graupner)

Nach dem - für italienische Berghütten ausgezeichneten - Frühstück ging es am nächsten Morgen weiter durch die inzwischen frisch verschneite und in Wolken gehüllte Pistenlandschaft Richtung Breithornplateau. Hier erwischte uns dann voll der sogenannte white out = Schneesturm mit Null Sicht. Es war dann nicht das letzte Mal, dass wir den Weiterweg mit dem GPS suchen mussten. Vorsorglich hatte ich im Vorfeld die gesamte Runde als GPS-Track auf dem Navi gespeichert, was uns später immer wieder half, überhaupt Weg, Gipfel und Hütte zu finden. Vor dem Breithornanstieg war es auch nötig, sämtliche Wetterschutzbekleidung anzulegen, um im Sturm keine Erfrierungen zu riskieren. Der Gipfel war dann – wie viele weitere danach – kein wirklicher Genuss.

Der erste Viertausender der Tour

Der erste Viertausender der Tour: Auf dem Breithorn im white out (Foto: Torsten Graupner)

Es ging weiter am Südhang des Breithorns entlang zur Roccia Nera (4075 m). Uta und Torsten zogen es vor, im „gemütlichen“ Bivacco Rossi e Volante zu warten, während ich mit André noch schnell die steile Südflanke zum Gipfel hochpickelte. Es folgte dann ein interessanter Abstieg durch eine Spaltenzone und nach einer weiteren Stunde erreichten wir erschöpft das Rif. Guide d’Ayas. Hier wurde ich dann in den Kreis der Bergführer „aufgenommen“, was mit solchen Privilegien wie Aperitif-Treffen vor dem Abendessen und Rabatte bei den Übernachtungen einher gehen sollte... Trotz „nur“ Fachübungsleiter lehnt man das natürlich nicht ab 😊!

Die Wetteraussichten waren für wenigstens einen Tag noch mies, deswegen beschlossen wir, den Pollux im wahrsten Sinne des Wortes „links liegen“ zu lassen und gleich über den Castor ins Felikjoch zu gehen. Hier hätten wir dann noch die Option für den Liskamm-Westgipfel (gehabt). Dirk hatte mich ja schon gewarnt, dass der Castor kein „leichter“ Viertausender ist. Zum Glück war davon aber zunächst nicht viel zu sehen, denn der Schneesturm machte jede Sicht unmöglich. Den Einstieg in die Westflanke verdanken wir wieder dem Track auf dem Navi, davor war die bekannte Goretex-Anzieh-Prozedur überlebensnotwendig. Einmal den Handschuh ausgezogen konnte sofortige Erfrierung bedeuten, deswegen sind die Fotos dieses Tages auch recht rar geblieben.

In der Flanke wurde es dann doch noch ziemlich voll und wir standen an Schlüsselstellen gelegentlich im Stau. Beim Ausstieg zum Gipfel (4223 m) musste noch der Bergschrund und ein steiles Eisfeld überwunden werden. Dann ein paar schnelle Gipfelfotos und bei stark böigem Wind ging es in Seilschaft über den langen und schmalen Südost-Grat. Dabei war mir/uns ganz schön mulmig zumute und man musste sich dabei wirklich – statt mit Absturzszenarien zu beschäftigen – voll auf die Füße konzentrieren! Letztendlich schafften wir es sicher über den Grat ins Joch, aber ich hatte – trotz leichter Wetterbesserung – keine Nerven mehr für den Liskamm. Außerdem war es noch ein weiter Abstieg zum Rif. Quintino Sella und der nächste versprach ja auch kein Ruhetag zu werden...

Auf dem Gipfelgrat des Castors 

Auf dem Gipfelgrat des Castors (Foto: André Kracke)

Auf der Hütte gab es dann sogar noch ein paar Sonnenstunden – das reichte, um die Sachen wieder trocken zu bekommen. Das ist ein genereller Nachteil vieler dieser hochgelegenen Hütten – der Wassermangel und der fehlende oder kalte Trockenraum. Auf Waschen/Duschen kann man ja durchaus ein paar Tage verzichten, aber morgens wieder in nasse Schuhe zu steigen ist kein Genuss.

Materialchaos

Materialchaos im kalten „Trockenraum“ auf der Sella-Hütte (Foto: Torsten Graupner)

Der 4. Tourentag sollte lt. Prognose eigentlich eine Wetterbesserung bringen. Sollte...
Diesmal zogen wir (man lernt dazu) bereits in der Hütte sämtliche Wetterschutzkleidung an. Draußen blies ein starker Wind über den frisch gefallenen Schnee, war aber nicht in der Lage, den Nebel zu vertreiben, sondern verwehte auch noch die letzten Reste einer Spur. Also wieder mit GPS-Track durchs Nirvana navigieren. Letztendlich schlossen sich uns noch 2 Belgier an, die sich wohl sonst verirrt hätten. Der größte Teil der Spaghetti-Bergführer stieg mit seinen Kunden nach Süden ins Tal ab und dann von dort zur Mantova- bzw. Gnifetti-Hütte wieder auf (das erfuhren wir aber erst später).

Die steile Naso-Westflanke hatte relativ guten Trittfirn, nur der Sturm machte uns auch hier wieder zu schaffen. Während den zahllosen Böen gingen wir jedes Mal in die Knie und hielten uns am Pickel fest. Letztendlich erreichten wir aber alle diesen Gipfel (4272 m) und machten uns dann an den ebenso steilen Abstieg an seiner Ostflanke. Hier nutzte Uta dann auch gleich einmal die Gelegenheit, das Bremsen mit dem Pickelrettungsgriff zu festigen. Auf dem (Um-)Weg zur Gnifetti-Hütte lagen dann noch das Balmenhorn (4167 m) mit seiner räudigen Biwakschachtel und die Vincentpyramide (4215 m) auf unserer Sammlertour.

Meine geknüpften Kontakte zur Bergführergilde halfen uns, von der Gnifettihütte aus doch noch 4 Plätze in der seit mindestens April ausgebuchten Margherita-Hütte (4554 m) zu ergattern. Sonst hätte uns am nächsten Tag bereits der Abstieg bevorgestanden. So konnte die Tour aber weitergehen und es hob sich unsere Stimmung am Abend sichtlich: Wetterbesserung, gutes Essen, selbstgebrautes Bier, sicheres Quartier und die Aussicht auf einige weitere Viertausender am nächsten Tag!

Morgenrot – schlecht Wetter droht! Wohl jeder Bergsteiger kennt den Spruch. Beim morgentlichen Einbinden in die Seilschaft ahnte ich schon wieder, was da noch kommen könnte. Unbeeindruckt dessen waren aber bereits Massen von Seilschaften von der Gnifetti- und der tiefergelegenen Mantova-Hütte zum „Gipfelsturm“ aufgebrochen.

Morgendlicher Blick

Morgentlicher Blick von der Gnifetti-Hütte auf den Massenansturm zur Monterosa (Foto: André Kracke)

Vorbei ging es wieder an Vincent-Pyramide und Balmenhorn, wo ein Teil des Bergsteiger-Schwarms glücklicherweise schon mal abbog. Unser nächstes Ziel war der Corno Nero (4322 m). Uta und Torsten machten es sich am Fuß des Gipfels im Windschatten wieder „gemütlich“, während ich mit André zügig und seilfrei die knapp 100 m hohe Eisflanke hoch- und wieder runterkletterte. Das war die richtige Entscheidung, denn so konnten wir dem dortigen Seilschafts- Stau noch entkommen.

Der erwischte uns dann aber beim Zustieg zur Ludwigshöhe. Einige (Schweizer) Bergführer meinten wieder mal, sie hätten das Erbrecht „ihrer“ Berge auf Lebenszeit gepachtet und andere haben hier nichts verloren. So rücksichtslos verhielten sie sich dann auch beim Überholen oder passieren von vorn. Dem ist eigentlich nur mit norddeutscher Gelassenheit zu begegnen, obwohl solche Manöver am Grat teilweise kreuzgefährlich sind.

Ludwigshöhe (4341 m) und Parrotspitze (4432 m) waren zwei weitere Viertausender im Nebel. Besonders bei der Überschreitung des Letzteren war das aber gar nicht so schlecht. So konnte man wenigstens nicht sehen, wie lang der total ausgesetzte Firngrat wirklich war. Auch hier war wieder allerhöchste Konzentration notwendig!

Grate und steile Firnflanken sind immer auch eine führungstechnische Herausforderung. Soll man lieber seilfrei gehen und jeder ist für seine Schritte selbst verantwortlich, oder geht man besser in Seilschaft? Und wenn in Seilschaft, mit oder ohne Sicherungen? Für professionelle Bergführer stellt sich die Frage nicht, aber 100%ige Sicherheit können auch sie nicht garantieren. So las ich z.B. letztes Jahr von einem tragischen Unfall am Spalla-Grat in der Bernina, der eine Woche später nach meinem dortigen Kurs an gleicher Stelle passiert war: https://www.nzz.ch/panorama/bergunfall-am-piz-bernina-buendner-bergsteiger-norbert-joos-toedlich- verunglueckt-ld.105062

Bei der Überschreitung
Bei der Überschreitung der Parrotspitze (Fotos: André Kracke)

Und dann riss endlich die Wolkendecke auch mal auf und gab den Blick auf unser Tagesziel – die Signalkuppe – frei:

Geisterschloß

„Geisterschloß“ im Nebel – die Margherita-Hütte auf der Signalkuppe

Inzwischen hatten wir alle auch gemerkt, dass die Höhen-UV-Strahlung trotz Wolken, Nebel und Pigment- Vorgrundierung schmerzhafte Spuren auf Lippen und Gesicht hinterlassen kann. Dementsprechend überzogen wir uns jetzt häufiger mit der Creme-Patina „Schutzfaktor 50“.

Foto

Foto: André Kracke

Auf dem Weg zum Gipfel und den Rest des Tages kamen wir doch noch in den Genuss von viel Sonne und dem phantastischen Blick auf die umliegenden Viertausender. Trotzdem war es nochmal ein ganz schön langer Gletscherhatsch, bevor wir uns auf der Hüttenterrasse alle die Hände schütteln konnten.

Rundblick

Rundumblick auf Liskamm, Breit-, Obergabel-, Matterhorn u.v.a.m. Das ist beste Hüttenlage! (Foto: André Kracke)

Torsten spendierte uns zur Feier des Tages dann noch einen extra-ordinären Kuchenteller (hausgebacken!), wie man ihn auf 4500 m wohl so nicht erwartet hätte:

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Gegend Abend zogen von Westen bereits wieder Wolkenfelder herein, trotzdem konnten wir noch schöne Sonnenuntergangsstimmungen aus dem Hüttenfenster mit der Kamera einfangen:

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Rechts im Bild die Zumstein- und Dufourspitze – geplante Ziele für den nächsten Tag (Foto: Torsten Graupner)

In der Nacht tobte dann schon wieder ein Schneesturm. Ich hatte noch mal Glück, denn zuvor hatte sich ein anderer (Bergführer) in mein Bett gelegt und schlief bereits. Da das Zimmer voll belegt war, blieb mir nichts weiter übrig, in ein anderes (eigentlich auch belegtes) Lager zu steigen und schnell einzuschlafen. Somit musste sich dieser Bergführer später wieder um ein anderes Lager kümmern. Ja, so herrscht in großen Höhen ein harter Überlebenskampf um die knappen Ressourcen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Halbpension dort stolze 100 € beträgt...

Torsten offerierte uns am Morgen, dass er die Nacht kein Auge zubekommen hatte. Ich hatte schon davon gehört, dass nicht jeder die Schlafhöhe von >4500 m als „komfortabel“ empfindet aber dass er dann beschloss, gemeinsam mit Uta (angeschlossen an eine andere Seilschaft mit Schweizer Bergführer) ohne Dufour-Gipfelversuch abzusteigen, tat mir zunächst doch leid.

Beim Frühstück und Zusammenpacken ließen wir letzten 2 Verbliebenen uns dann etwas Zeit. Draußen stürmte es sowieso noch und die Sicht war gleich Null. Mit GPS-Hilfe ging es dann wieder durch die weiße Hölle Richtung Zumsteinspitze. Wir erreichten den Gipfel (4563 m) relativ schnell und André traute sich sogar noch Fotos zu machen.

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Auf der Zumsteinspitze (Foto André Kracke)

Jetzt ging es an die Dufourspitze. Meine Brille hatte ich weggepackt, da sie sowieso ständig vereiste... Zunächst mussten wir einen steilen und ausgesetzten Firngrat in den Grenzsattel absteigen. Aufgrund des Sturmes kletterte jeder von uns auf einer Gratseite – das Seil dazwischen gespannt. Das funktionierte recht gut, doch dann ging der Firn in vereiste Felsen über.

Obwohl hochmotiviert und bestens akklimatisiert mussten wir einsehen, dass hier die Fortsetzung der Tour nur mit einem hohen Zeitaufwand (komplettes Sichern) oder nicht zu verantwortendem Sicherheitsrisiko einhergegangen wäre. Darum beschlossen wir an diesem Punkt umzukehren. Ich verbuchte dieses Erlebnis als „Grenzerfahrung am Grenzsattel“ ☹... Jetzt beneidete ich Uta und Torsten fast für ihre frühzeitige Abbruch-Entscheidung.

Über die Zumsteinspitze und das Colle Gnifetti zurück suchten wir mit dem GPS in der frisch verschneiten Landschaft die Abstiegsspur zum Monterosa-Gletscher. Ein paar hundert Höhenmeter tiefer hatten wir endlich auch wieder etwas Sicht,
 
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bevor die stärker werdende Sonne anfing, die Wolken aufzulösen. Letztendlich war es dann noch ein endloser Gletscherabstieg, z.T. durch wilde Spaltenzonen mit immer wieder phantastischen Blicken in die Liskamm-Nordwand.

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Auf dem Monterosa-Gletscher. Rechts der Liskamm (beide Fotos André Kracke)

Derweil tobte der Höhensturm an der Dufourspitze weiter und bestätigte uns nochmals die Richtigkeit unserer Entscheidung.

Nach einigen Stunden und 1700 Abstiegshöhenmetern erreichten auch wir gegen Mittag die neue (futuristische) Monterosa-Hütte, wo es sich Uta und Torsten bereits auf der Sonnenterrasse bequem gemacht hatten.

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Schweizer Architektenhaus in bester Lage (Foto: André Kracke)

Da es noch so früh am Tage war, beschlossen wir gemeinschaftlich, den Abstieg nach Zermatt fortzusetzen. Die Stornierung unserer Reservierung kostete zwar je 20 CHF, wir hatten aber so die Möglichkeit, an diesem Tag noch unsere Autos und Heimfahrtmöglichkeiten zu erreichen. Der Abstieg von der Hütte und anschließendem Gegenanstieg zur Bahnstation Rotenboden dauerte dann noch eine gefühlte Ewigkeit. Das ist definitiv auch keine Hütte für wanderlustige Tagesgäste aus Zermatt! André hatte jedoch noch viele Reserven und erreichte die Station trotz Seil im Rucksack deutlich vor uns! Die Bahnfahrt nach Zermatt gab dann noch schöne Blicke auf das Matterhorn frei und man konnte mit den zahlreichen asiatischen Touristen um die Wette fotografieren!

In Täsch angekommen beendeten wir unsere gemeinsame Tour bei Pizza, Kaffee, Bier und einem kleinen Resümee, bevor wir uns dann auf eine lange, weite Nacht-Heimfahrt machten.

Zwar hat sich die Schweizer Bergwelt diesmal nicht gerade von ihrer besten Wetter-Seite gezeigt, aber wir konnten trotz der widrigen Bedingungen immerhin 11 Viertausender in 5 Tagen besteigen. Eigentlich keine so schlechte Bilanz!

Ben Rettig, Juli 2017 (FÜL Hochtouren)